Nicht das Etikett entscheidet, sondern die Evidenz
Seit zehn Jahren ergänzt die Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin am Robert Bosch Krankenhaus die konventionelle Medizin mit wissenschaftlich begründeten naturheilkundlichen und lebensstilbezogenen Verfahren. Im Interview erklärt ihre Ärztliche Leiterin Dr. med. Marcela Winkler, warum das Interesse der Patient:innen allein noch kein Wirksamkeitsnachweis ist, weshalb Integrative Medizin klare wissenschaftliche Standards braucht und welchen Beitrag sie zu einer zukunftsfähigen Gesundheitsversorgung leisten kann.
Dr. Marcela Winkler, ärztliche Leiterin der Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin, im Anamnesegespräch mit einer Patientin.
Frau Dr. Winkler, Ihre Abteilung feiert ihr zehnjähriges Bestehen. Was hat sich in der Zeit verändert?
Als die Abteilung 2016 ihre Arbeit aufnahm, musste die Naturheilkunde ihren Platz im klinischen Alltag erst finden. Unsere Arbeit orientierte sich an dem wissenschaftlich fundierten „Essener Modell“ der integrativen Medizin, das Prof. Gustav Dobos mitentwickelt hatte. Heute ist die Integrative Medizin fest in die ambulante und stationäre Versorgung am Robert Bosch Krankenhaus (RBK) eingebunden. Verändert hat sich auch die wissenschaftliche Basis: Komplementärmedizin ist inzwischen Teil der leitliniengerechten Krebsversorgung, und zusammen mit dem Robert Bosch Centrum für Integrative Medizin und Gesundheit haben wir am Bosch Health Campus eine starke Forschungsstruktur aufgebaut. Unser Behandlungsangebot selbst ist mittlerweile weit über die Onkologie hinausgewachsen und richtet sich auch an Menschen mit chronischen Erkrankungen aus allen Fachbereichen.
Was verstehen Sie unter Integrativer Medizin?
Am Robert Bosch Krankenhaus wenden wir naturheilkundliche Verfahren an, für die es einen wissenschaftlichen Beleg gibt. Entscheidend sind dabei, die Wirksamkeit und der Nutzen einer Therapie für die Patientinnen und Patienten. Integrative Medizin verbindet die konventionelle Medizin mit evidenzbasierten naturheilkundlichen und lebensstilbezogenen Verfahren. Sie ist keine Alternative zu einer notwendigen medizinischen Behandlung, sondern eine gezielte Ergänzung. Wir fragen vielmehr: Welche zusätzlichen Verfahren sind für die Patientin oder den Patienten in der konkreten Situation sinnvoll, wirksam und sicher? Das können beispielsweise Akupressur gegen Übelkeit, Bewegung und Yoga bei Erschöpfung oder Verfahren der Mind-Body-Medizin wie Achtsamkeit bei Stress, Schlafstörungen und Ängsten sein.
Warum ist dieser Ansatz für Patientinnen und Patienten wichtig?
Eine Erkrankung betrifft nicht nur ein Organ, sondern immer auch das gesamte Leben. Gerade Menschen mit Krebs oder chronischen Erkrankungen erleben Schmerzen, Erschöpfung, Schlafstörungen, Ängste und erhebliche Veränderungen ihres Alltags. Unser Ziel ist es, solche Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dabei begleiten wir Patientinnen und Patienten bei der gesundheitsfördernden Veränderung ihres Lebensstils und unterstützen sie, die Selbstwirksamkeit zu stärken. Gesundheitsfördernde Lebensstiländerungen verstehen wir dabei als Grundlage der Prävention auf allen Ebenen: Sie sollen Erkrankungen vorbeugen, ihr Fortschreiten aufhalten und Folgeschäden verringern.
Yoga wird nicht nur präventiv, sondern auch komplementär bei Patient:innen eingesetzt, die unter Erschöpfung leiden.
Die 2024 im Fachjournal „Frontiers in Medicine“ veröffentlichte repräsentative Studie zur Nutzung und Akzeptanz der traditionellen, komplementären und integrativen Medizin in Deutschland zeigt eine hohe Zustimmung für diese Therapien. Ist gesellschaftliche Nachfrage schon ein Argument für ihre Aufnahme in die Gesundheitsversorgung?
Nachfrage allein belegt noch keine Wirkung. Sie ist aber ein deutlicher Auftrag an Medizin und Forschung. Wenn Menschen naturheilkundliche Verfahren ohnehin nutzen, brauchen sie verlässliche Informationen und qualifizierte Beratung. In der Befragung sprachen sich 71 Prozent für mehr Forschung aus. Das zeigt: Die Menschen wünschen sich nicht nur Zugang, sondern wissenschaftliche Orientierung. Ein gutes Gesundheitssystem sollte diese Nachfrage weder ignorieren noch unkritisch bedienen.
Wo ist die Evidenz bereits so weit, dass naturheilkundliche Verfahren regulär eingesetzt werden können?
In vielen Bereichen gibt es mehr Evidenz, als viele denken. Naturheilkundliche Verfahren sind inzwischen in zahlreichen medizinischen Leitlinien verankert, etwa bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, beim Reizdarmsyndrom oder bei chronischen Schmerzen. In der Onkologie bietet die S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin eine wichtige Orientierung. Sie bewertet Verfahren unter anderem aus der Mind-Body-Medizin, Akupunktur, Akupressur und Phytotherapie. Am RBK setzen wir wissenschaftlich begründete Methoden gezielt zur Linderung von Beschwerden und Nebenwirkungen ein. Dazu gehören auch pflegerische Anwendungen wie Auflagen, Wickel oder Einreibungen. Gleichzeitig gehört zu einer seriösen Beratung, von Verfahren abzuraten, wenn ein Nutzen nicht belegt ist oder Risiken bestehen.
Naturheilkundliche Pflege direkt am Patientenbett: Eine Öleinreibung wird auf Station durchgeführt.
Sie sprechen häufig von Selbstwirksamkeit. Verlagert das nicht Verantwortung vom Gesundheitssystem auf die Erkrankten?
Selbstwirksamkeit darf niemals bedeuten, Patient:innen für den Verlauf ihrer Erkrankung verantwortlich zu machen. Es geht um das Gegenteil: Wir möchten ihnen Handlungsmöglichkeiten zurückgeben. Wer eine schwere Diagnose erhält, erlebt häufig Kontrollverlust. Wenn Patient:innen lernen, mit Entspannung, Bewegung, Ernährung oder Achtsamkeit bestimmte Beschwerden zu beeinflussen, kann das ihre Lebensqualität spürbar verbessern. Die Verantwortung für eine gute, leitliniengerechte Behandlung bleibt selbstverständlich beim professionellen Versorgungssystem.
Wie greifen Behandlung und Forschung am Bosch Health Campus ineinander?
Fragen für die Forschung entstehen oft direkt im Gespräch mit Patientinnen und Patienten: Was hilft gegen anhaltende Erschöpfung? Kann eine nichtmedikamentöse Anwendung Nebenwirkungen lindern? Solche Fragen können in die Forschung einfließen. Das Robert Bosch Centrum für Integrative Medizin und Gesundheit (RBIM) untersucht unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Holger Cramer die Wirksamkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit komplementärmedizinischer Verfahren. Ich leite sowohl das Centrum als auch die Abteilung am RBK ärztlich. Dadurch können Forschungsergebnisse auf kurzen Wegen in Beratung und Behandlung gelangen. Wir forschen dabei fachübergreifend und in Kooperation mit Universitäten bundesweit.
Ein Beispiel ist die FOREST-Studie. Sie untersucht, ob Naturerleben – im Wald, virtuell oder in der Vorstellung – Erschöpfung, Stress und weitere Symptome nach einer Krebserkrankung lindern kann. Seit 2025 stärkt zudem Cochrane Complementary Medicine Germany am Bosch Health Campus und am Universitätsklinikum Tübingen die systematische Bewertung der Forschung.
Wald wirkt vielleicht auch virtuell. Die FOREST-Studie untersucht, ob Waldbaden und virtuelle Walderlebnisse krebsbedingte Erschöpfung lindern können.
Welche gesundheitspolitische Bedeutung hat Integrative Medizin?
Unser Gesundheitswesen muss mit mehr chronischen Erkrankungen, einer alternden Bevölkerung und begrenzten personellen wie finanziellen Ressourcen umgehen. Verfahren, die Prävention, Gesundheitskompetenz, Lebensstilveränderungen und einen aktiven Umgang mit Krankheit fördern, können dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Das gilt aber nur, wenn sie nach wissenschaftlichen Kriterien geprüft, qualitätsgesichert angewendet und mit der übrigen Behandlung abgestimmt werden.
Auch die Weltgesundheitsorganisation setzt in ihrer Strategie bis 2034 auf Evidenz, Sicherheit, Regulierung und eine verantwortungsvolle Integration wirksamer Verfahren. Politisch brauchen wir deshalb keine pauschale Entscheidung für oder gegen Naturheilkunde. Wir brauchen gute Forschung, klare Qualitätsstandards, qualifizierte Fachkräfte und tragfähige Wege, nachweislich sinnvolle Angebote in die Versorgung zu bringen.
Wo soll die Abteilung in weiteren zehn Jahren stehen?
Ich wünsche mir, dass evidenzbasierte Integrative Medizin nicht mehr als Besonderheit betrachtet wird, sondern selbstverständlich Teil einer patientenorientierten Versorgung ist. Patient:innen sollten unabhängig von ihrem Wohnort Zugang zu qualifizierter Beratung haben. Gleichzeitig müssen wir bereit sein, unser Handeln immer wieder zu überprüfen: Was hilft, was hilft nicht, und wo brauchen wir bessere Studien? Diese Offenheit in beide Richtungen ist für mich die Voraussetzung für medizinischen Fortschritt.