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Hausärztemangel: Neue Studie zeigt, wie die ambulante Versorgung trotzdem gelingt

Bis 2040 werden voraussichtlich rund 12.000 Hausärzt:innen in Deutschland fehlen. Das ist eines der Ergebnisse der neuen Studie „Primärversorgung 2035+“ des Bosch Health Campus. Sie zeigt zugleich, wie eine zukunftsfähige hausärztliche Versorgung aussehen kann. Moderne Versorgungszentren wie die Praxis von Hausarzt Alexander Mittlmeier und das PORT Gesundheitszentrum Bosch Health Campus setzen bereits heute auf neue Ideen und neue Technologien. 

 

Caroline Friedmann | Juli 2026
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Hausarztpraxis Maulburg

In diesem unscheinbaren Haus findet sich eine der fortschrittlichsten Hausarztpraxen Deutschlands. Patient:innen checken über einen Terminal ein, kommunizieren via App mit den Mitarbeitenden und werden um so persönlicher betreut und behandelt.  

Wenn Alexander Mittlmeier morgens in seine Hausarztpraxis kommt, wirft er erstmal einen Blick auf seinen Bildschirm und die Patienten-App. Über Nacht sind neue Anfragen eingegangen: Ein Patient hat ein Foto eines Hautflecks geschickt, eine Patientin benötigt ein Folgerezept. Mittlmeier sichtet die Anfragen, priorisiert sie und entscheidet, wem digital geholfen werden kann und wer kurzfristig in die Praxis kommen sollte. Währenddessen checken die ersten Patientinnen und Patienten am Anmeldeterminal der Praxis ein, das auf den ersten Blick aussieht wie ein EC-Automat. Wer den persönlichen Kontakt zum Praxispersonal bevorzugt, meldet sich klassisch am Schalter an.

Lange Wartezeiten gibt es in seiner Praxis in Maulburg bei Lörrach kaum. Denn nicht nur digitale Angebote wie das Anmeldeterminal beschleunigen die Abläufe. Auch ein multiprofessionelles Team aus unterschiedlichen Gesundheitsberufen sorgt dafür, dass mehr Zeit für die hausärztliche und persönliche Betreuung der Patientinnen und Patienten bleibt. „Viele Menschen sind erleichtert, wieder einen Hausarzt zu finden und lassen sich dann auch auf unsere erstmal ungewohnten Innovationen ein“, sagt Mittlmeier.

Was in seiner Praxis bereits Alltag ist, könnte vielerorts als Modell dienen. Denn wie die neue Studie „Primärversorgung 2035+“ zeigt, braucht es dringend ein Umdenken, wenn die hausärztliche Versorgung in Deutschland auch in Zukunft sichergestellt sein soll. In der Studie, die das IGES Institut im Auftrag des Bosch Health Campus erstellt hat, wurde die bundesweite Entwicklung der hausärztlichen Kapazitäten untersucht. Demnach war im Jahr 2025 bereits mehr als jeder dritte praktizierende Hausarzt 60 Jahre alt oder älter. Zudem geht die Zahl der in Vollzeit arbeitenden Hausärztinnen und Hausärzte infolge veränderter Arbeitsmodelle zurück. Wie die Studie prognostiziert, werden bis zum Jahr 2040 bundesweit rund 12.000 Hausarztsitze unbesetzt bleiben. Besonders betroffen ist der ländliche Raum.

Die Studienautoren machen deutlich, dass der drohende Hausärztemangel nicht allein durch mehr Medizinstudienplätze behoben werden kann. Stattdessen gelte es, die Primärversorgung – also die erste Anlaufstelle im Gesundheitssystem – grundlegend neu zu organisieren. Hausarztpraxen sollen zwar weiterhin die erste Adresse für Patienten bleiben, ihre Arbeit jedoch stärker in multiprofessionellen Teams leisten: Pflegefachpersonen, Psycho- und Physiotherapeuten sowie weitere Gesundheitsberufe sollen mehr Verantwortung übernehmen und ihre Kompetenzen gezielt einbringen. So könnten Ärztinnen und Ärzte entlastet werden und gemeinsam mit den Fachkolleginnen und Fachkollegen wichtigen Aufgaben nachkommen: komplexe Diagnosen stellen, Therapieentscheidungen treffen und chronisch kranke Menschen begleiten.

Digitalisierung macht Abläufe effizienter

Die Digitalisierung kann Behandlungsabläufe vereinfachen, die Kommunikation verbessern und Patientinnen und Patienten den Zugang zur Versorgung erleichtern. Dabei sind die digitalen Anwendungen kein Selbstzweck, sondern als Möglichkeit, Abläufe effizienter zu gestalten. Patientinnen und Patienten, die in Mittelmeiers Praxis schon bekannt sind, können sein Team per App kontaktieren, Bilder übermitteln, bereits vor dem Termin Fragebögen ausfüllen oder sich digital in der Praxis anmelden. Das spare viel Zeit, betont Mittlmeier. Gemeinsam mit dem Verein Ärztenetz Dreiländereck sorgt seine Praxis außerdem für eine bessere Koordination und Terminfindung bei Fachärzt:innen. 

Prävention und soziale Unterstützung

Gleichzeitig betont die Studie, dass digitale Angebote den persönlichen Kontakt nicht ersetzen können. Entscheidend bleibe eine wohnortnahe patientenorientierte Versorgung, die Prävention, Gesundheitsförderung, Behandlung und soziale Unterstützung miteinander verbindet.

Ein Beispiel für diesen Ansatz ist das PORT Gesundheitszentrum Bosch Health Campus. Es ergänzt die hausärztliche Versorgung in der Stuttgarter Innenstadt, begleitet Menschen langfristig in Gesundheitsfragen und setzt mit Kursen und Beratungsangeboten gezielt auf Gesundheitsförderung und Prävention. Durch seine Anbindung an das Robert Bosch Krankenhaus sind ambulante und stationäre Versorgung eng miteinander vernetzt. 

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Hausarztpraxis Maulburg

In Dänemark erlebte Alexander Mittlmeier ein Gesundheitssystem, in dem Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen und weitere Gesundheitsberufe selbstverständlich auf Augenhöhe zusammenarbeiten . Diese Erfahrung nahm er mit nach Deutschland. 

Von anderen Ländern lernen

Für Alexander Mittlmeier war schon während seines Medizinstudiums klar, dass er später ein paar Dinge anders machen würde als andere Hausärzte. Einen Teil seines Studiums absolvierte er in Dänemark – und erlebte dort ein Gesundheitssystem, in dem Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen und weitere Gesundheitsberufe selbstverständlich auf Augenhöhe zusammenarbeiten und vieles digital erledigten. Diese Erfahrung nahm er mit nach Deutschland. Als er 2019 seine Praxis gründete, setzte er von Anfang an auf Teamarbeit, digitale Prozesse und eine konsequente Aufgabenverteilung. Heute möchte er mit seinem Konzept auch andere Hausarztpraxen inspirieren.

Ohne diese enge Begleitung wäre die beginnende Depression des Patienten vermutlich lange unentdeckt geblieben.

Wie gut sein Ansatz funktioniert, zeigt das Beispiel eines Patienten mit chronischen Wunden am Bein. Statt ihn von einem ambulanten Pflegedienst versorgen zu lassen, erzählt Mittlmeier, holte sein Team ihn regelmäßig in die Praxis. Dort bemerkte eine Altenpflegerin, dass sich seine Stimmung zunehmend verschlechterte. „Ohne diese enge Begleitung wäre die beginnende Depression des Patienten vermutlich lange unentdeckt geblieben“, so der Hausarzt. Eine Physiotherapeutin, die ebenfalls zum Praxisteam gehört, entwickelte gemeinsam mit dem Patienten ein Bewegungsprogramm. Mit Erfolg: „Nicht nur die Stimmung des Patienten besserte sich. Er wurde auch wieder beweglicher und das Bein heilte besser ab“, so Mittlmeier.

Für ihn ist genau das der große Vorteil von Interprofessionalität: Wenn verschiedene Berufsgruppen eng zusammenarbeiten und sich regelmäßig austauschen, gehen wichtige Informationen nicht verloren. Und die Patient:innen profitieren von einer ganzheitlichen Betreuung.

Die Politik in der Pflicht

Damit solche ein Modell wie von Mittlmeier künftig flächendeckend funktionieren kann, braucht es nicht nur ein Umdenken in vielen Praxen. Auch der politische Rahmen müsse sich ändern, sagt Mittlmeier. Teamarbeit müsse sich künftig ebenso in den gesetzlichen Vorgaben wie in den Vergütungssystemen widerspiegeln. Gleichzeitig brauche es mehr Freiräume für digitale Lösungen und eine sinnvollere Verteilung der Aufgaben zwischen den Gesundheitsberufen. 

Und wir müssen den Beruf für den Nachwuchs wieder attraktiver machen. Nur so werden wir die Versorgung langfristig sichern können.

„Hausärztinnen und Hausärzte bleiben auch in Zukunft eine wichtige Anlaufstelle im Gesundheitswesen. Aber man muss ihnen ermöglichen, in starken Teams zu arbeiten und moderne Strukturen zu nutzen“, so der Hausarzt. „Und wir müssen den Beruf für den Nachwuchs wieder attraktiver machen. Nur so werden wir die Versorgung langfristig sichern können.“

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