Gemeinsam die Krebsmedizin von morgen gestalten
Seit zehn Jahren verbindet das Robert Bosch Centrum für Tumorerkrankungen Spitzenforschung, klinische Versorgung und Innovation. Im Doppelinterview sprechen der Geschäftsführer des Bosch Health Campus Mark Dominik Alscher und der Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung Bernhard Straub über Meilensteine, Prävention und künstliche Intelligenz und die Frage, wie patientenzentrierte Krebsmedizin noch wirksamer werden kann.
Bernhard Straub (links) und Mark Dominik Alscher (rechts) über Krebsforschung, neue Technologien und die Frage, wie daraus konkrete Verbesserungen für Patient:innen entstehen.
Herr Alscher, das Robert Bosch Centrum für Tumorerkrankungen (RBCT) steht für die enge Verbindung von Forschung, klinischer Versorgung und Innovation. Welche Fortschritte kommen Patientinnen und Patienten im Robert Bosch Krankenhaus heute ganz konkret zugute?
Mark Dominik Alscher: Patientinnen und Patienten profitieren in vielerlei Hinsicht von der engen Verzahnung. Neue diagnostische Verfahren ermöglichen eine immer präzisere Charakterisierung von Tumoren und schaffen die Grundlage für individuell zugeschnittene Therapien. Gleichzeitig eröffnen klinische Studien den Zugang zu neuen Behandlungsansätzen – häufig schon bevor sie flächendeckend verfügbar sind.
Hinzu kommt die enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachdisziplinen. Onkologie, Chirurgie, Radiologie, Pathologie, Pflege sowie viele weitere Berufsgruppen entwickeln gemeinsam die bestmögliche Behandlung für jede einzelne Patientin und jeden einzelnen Patienten. Forschung findet dadurch nicht losgelöst vom Klinikalltag statt, sondern orientiert sich konsequent an den Bedürfnissen der Betroffenen.
Herr Straub, die Robert Bosch Stiftung hat die Gründung und Entwicklung des RBCT von Beginn an begleitet. Welche Bedeutung hat das Institut für den Stiftungsauftrag der Robert Bosch Stiftung?
Bernhard Straub: Gesundheit lag unserem Gründer Robert Bosch besonders am Herzen – das ist bis heute der rote Faden unserer Arbeit. Das RBCT zeigt sehr greifbar, wie wir dieses Vermächtnis modern fortführen: Seit 2016 haben wir rund 65 Millionen Euro in den Aufbau und die Krebsforschung investiert. Unsere Mittel sind im Vergleich zu großen staatlichen Forschungstöpfen begrenzt – umso entscheidender ist, wie wir sie einsetzen. Als private Stiftung wollen wir gezielte Impulse setzen: neue Ideen frühzeitig fördern und möglichst schnell einen praktischen Nutzen für Patient:innen schaffen. Zu wissen, dass die Arbeit hier in Stuttgart vielen Betroffenen und ihren Familien eine neue Perspektive schenkt, das treibt uns an.
Welche Meilensteine haben die Arbeit am RBCT besonders geprägt?
Alscher: In diesen Jahren haben wir unsere onkologische Forschungs- und Behandlungskompetenz kontinuierlich ausgebaut. Unser Ziel: Forschung und Patientenversorgung eng zu verbinden und neue Erkenntnisse schnell in die Praxis zu übertragen.
Die Gründung der Abteilung für Molekulare Onkologie 2018 und die Berufung von Hans-Georg Kopp zum ärztlichen Leiter waren die ersten wichtigen Schritte des RBCT-Aufbaus. Zugleich haben wir mit der Humangenetik der Uniklinik Tübingen im Comprehensive Cancer Center (CCC) Tübingen-Stuttgart modernste Diagnostik in die Versorgung am Robert Bosch Krankenhaus gebracht.
„Unser Ziel: Forschung und Patientenversorgung eng zu verbinden und neue Erkenntnisse schnell in die Praxis zu übertragen.“
Auch die pharmakogenomische Analytik unseres Instituts für Klinische Pharmakologie trug bald dazu bei, dass Patient:innen Zugang zur bestmöglichen molekularpathologischen Diagnostik und zu zielgerichteten Therapien erhielten – ein bis heute unerreichter Meilenstein für die Region.
2022 war das Robert Bosch Krankenhaus dann die erste Klinik in Stuttgart, die die CAR-T-Zelltherapie zur Behandlung bestimmter Leukämien und Lymphome angeboten hat. Heute entwickeln wir die Therapie im Projekt „ProCell for Patient“ weiter und arbeiten an der automatisierten Herstellung, um die Therapie schneller, günstiger und zugänglicher zu machen.
Straub: 2022 haben wir zudem Steven Johnsen als wissenschaftlichen Leiter des RBCT berufen. Er hat seither ein exzellentes Team und eine außergewöhnliche Forschungsstruktur aufgebaut.
2023 wurde der Bosch Health Campus dann Teil des NCT SüdWest mit den Universitäten und Unikliniken Tübingen und Ulm. Dieser vom Bundesforschungsministerium geförderte Spitzenverbund ermöglicht innovative Studien und neue Krebstherapien.
Von der Analyse großer Datenmengen für die Diagnostik bis hin zur personalisierten Therapie: Welche Rolle wird künstliche Intelligenz in den kommenden Jahren für die Onkologie und die Medizin insgesamt spielen?
Alscher: Künstliche Intelligenz (KI) wird die Onkologie nachhaltig verändern – allerdings nicht als Ersatz für ärztliche Entscheidungen, sondern als leistungsfähiges Werkzeug für Ärztinnen und Ärzte. KI kann große Mengen klinischer, molekularer und bildgebender Daten zusammenführen und Muster erkennen, die für den Menschen kaum sichtbar sind. Dadurch lassen sich Diagnosen präzisieren, Therapieentscheidungen besser unterstützen und Krankheitsverläufe genauer vorhersagen. Gleichzeitig wird KI helfen, administrative Prozesse zu vereinfachen und medizinisches Personal zu entlasten. Entscheidend ist jedoch, dass diese Technologien verantwortungsvoll und transparent eingesetzt werden und wissenschaftlich validiert sind.
Unser Anspruch am RBCT sowie am gesamten Bosch Health Campus ist es, Innovation immer mit einem klaren Nutzen für Patientinnen und Patienten zu verbinden. KI soll dazu beitragen, dass Behandlungen individueller, schneller und qualitativ noch besser werden.
Künstliche Intelligenz verändert auch, wie wir leben und arbeiten. Welche Aufgabe sieht die Robert Bosch Stiftung bei sich, diesen Wandel aktiv und verantwortungsvoll mitzugestalten?
Straub: Für uns ist klar: Jede Technologie muss sich daran messen lassen, wie sehr sie den Menschen hilft. Das ist auch der Kern unseres Jahresschwerpunkts 2026 – der gemeinwohlorientierte und an der Menschenwürde ausgerichtete Einsatz digitaler Technologien wie KI.
Nehmen Sie die Pflege: Die Teams arbeiten am Limit, und KI wird den Personalmangel nicht lösen. Aber sie kann Schreibarbeit abnehmen und Pflegenden so mehr Zeit für ihre Patient:innen zurückgeben. Das Problem ist: Viele gute Lösungen kommen im Klinikalltag nie an. Genau diese Brücke wollen wir bauen. Mit unserem Preis „Ideas for Impact“ haben wir dieses Jahr die Bremer Initiative ProKIP ausgezeichnet. Sie sorgt dafür, dass neue KI-Anwendungen dort ankommen, wo sie gebraucht werden: direkt auf den Stationen.
Warum ist es aus Sicht der Robert Bosch Stiftung wichtig, neben der Spitzenmedizin und Forschung auch in Prävention und Gesundheitskompetenz zu investieren?
Weil die beste Medizin die ist, die wir gar nicht erst brauchen. Bis zu 80 Prozent der Herz-Kreislauf-Erkrankungen und rund 40 Prozent aller Krebserkrankungen ließen sich durch Prävention verhindern.
Trotzdem belohnt unser System fast nur das Heilen – nicht das Gesundbleiben. Dabei wird Vorsorge oft zur Privatsache erklärt, und das ist ungerecht. Wer im Schichtdienst arbeitet oder Existenzsorgen hat, hat keine Kapazitäten für aufwendige Programme. Wir wollen Menschen deshalb direkt im Alltag stärken – ohne erhobenen Zeigefinger.
Alscher: Ein gutes Beispiel ist das digitale Angebot Sundi, das wir gemeinsam mit der Charité und dem Karolinska-Institut entwickelt haben. Es bietet vor allem Menschen ab 55 Jahren alltagsnahe Unterstützung zu Themen wie Schlaf, Bewegung oder Ernährung – verständlich, niedrigschwellig und unabhängig von Herkunft oder Geldbeutel.
Mit der Einrichtung eines Patientenbeirats hat die Stimme der Betroffenen einen festen Platz am Bosch Health Campus erhalten. Welche Verbesserung bringt es, Patientinnen und Patienten als aktive Partner zu verstehen und nicht nur als Leistungsempfänger?
Alscher: Eine moderne Medizin kann nur gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten erfolgreich sein. Sie erleben Erkrankung und Behandlung aus einer Perspektive, die Behandelnde nicht haben. Dadurch entstehen Lösungen, die sich stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen orientieren – sei es bei der Kommunikation, bei klinischen Studien oder bei der Gestaltung von Versorgungsangeboten. Patientenorientierung bedeutet für uns weit mehr als gute Behandlung. Sie bedeutet, Betroffene aktiv an Entscheidungen zu beteiligen und ihre Erfahrungen als wertvolle Expertise anzuerkennen.
Im deutschen Gesundheitssystem stehen viele notwendige Reformen an – etwa bezogen auf die Pflege, die stationäre und ambulante Versorgung oder die Verwendung von Gesundheitsdaten in der Forschung. Was stimmt Sie mit Blick auf die Zukunft des Bosch Health Campus besonders zuversichtlich?
Straub: Der Reformdruck im Gesundheitswesen ist gewaltig. Wir brauchen einen echten Kurswechsel: weg vom starren Silodenken, hin zu flexiblen, vernetzten Strukturen. Genau das leben wir auf dem Bosch Health Campus bereits. Hier arbeiten unterschiedliche Bereiche unter einem Dach zusammen, um Synergien direkt zu nutzen.
Alscher: Ein konkretes Beispiel: In unserem neuen KI-Reallabor des Bosch Digital Innovation Hub erproben wir digitale Sprachwerkzeuge direkt im Klinikalltag – um Abläufe zu vereinfachen und die administrative Belastung spürbar zu senken. Gleichzeitig vermitteln wir diese Kompetenzen schon in der Ausbildung am Irmgard Bosch Bildungszentrum. Am Ende aber gilt: All das dient dem Ziel, dass Patientinnen und Patienten die bestmögliche Versorgung bekommen.