Pressemeldung

Depressionen: Gene beeinflussen Erfolg von Venlafaxin-Therapie

Warum wirkt Venlafaxin bei manchen Menschen mit Depressionen nicht ausreichend, während andere von der Therapie profitieren? Eine internationale Studie unter maßgeblicher Beteiligung des Dr. Margarete Fischer-Bosch Instituts für Klinische Pharmakologie am Bosch Health Campus zeigt, dass genetische Unterschiede im Arzneimittelstoffwechsel dabei eine wichtige Rolle spielen. Menschen mit einer genetisch bedingt niedrigen Aktivität eins bestimmten Enzyms wechselten deutlich häufiger auf ein anderes Antidepressivum. Bei gleichzeitig veränderter Aktivität zweier Enzyme war das Risiko eines Therapieversagens sogar mehr als sechsmal erhöht. Die Ergebnisse wurden im renommierten Fachjournal „The Lancet Psychiatry“ veröffentlicht.

Stuttgart, den 28. September 2026 – Warum wirkt ein Antidepressivum bei manchen Menschen gut, während andere die Behandlung abbrechen oder auf ein anderes Medikament umsteigen? Eine internationale Forschungsgruppe hat einen wichtigen Zusammenhang zwischen genetischen Faktoren und dem Behandlungserfolg von Venlafaxin identifiziert. Die in „The Lancet Psychiatry“ veröffentlichte Studie zeigt, dass genetische Unterschiede in den Enzymen CYP2D6 und CYP2C19, die am Abbau von Arzneimitteln beteiligt sind, mit dem Risiko eines Therapieversagens bei Venlafaxin zusammenhängen. Analysiert wurden Daten von insgesamt 9.067 mit Venlafaxin behandelten Personen aus zwei unabhängigen Patientenkohorten in Norwegen und Großbritannien.

Geringe CYP2D6-Aktivität geht mit höherem Risiko für Therapieversagen einher

Besonders deutlich war der Zusammenhang bei Patientinnen und Patienten mit einer genetisch bedingt geringen Aktivität des Enzyms CYP2D6. In der norwegischen Kohorte war die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Jahres von Venlafaxin auf ein anderes Antidepressivum zu wechseln, bei diesen Personen etwa doppelt so hoch wie bei Menschen mit normaler CYP2D6-Aktivität. Der Befund konnte in der unabhängigen Kohorte der UK Biobank bestätigt werden.

Zudem spielt das Enzym CYP2C19 eine Rolle: Eine veränderte CYP2C19-Aktivität war für sich genommen nicht eindeutig mit einem Therapieversagen verbunden, verstärkte jedoch den Zusammenhang bei gleichzeitig verminderter CYP2D6-Aktivität. Das heißt: Bei Personen mit genetisch bedingt beeinträchtigtem CYP2D6- und CYP2C19-Metabolismus war die Wahrscheinlichkeit eines Therapieversagens mehr als sechsmal höher als bei Personen mit normaler Aktivität beider Enzyme.

Perspektivisch bessere Therapieentscheidungen

Blutanalysen zeigten zudem erhebliche genetisch bedingte Unterschiede in den Konzentrationen von Venlafaxin und seinen Stoffwechselprodukten. Dies unterstreicht, wie stark sich der Arzneimittelstoffwechsel zwischen Menschen unterscheiden kann.

„Unsere Ergebnisse zeigen vor allem, dass genetische Unterschiede im Arzneimittelstoffwechsel mit einem klinisch relevanten Behandlungsergebnis verbunden sein können. Das ist ein wichtiger Schritt, um pharmakogenetische Informationen künftig gezielter für individuelle Therapieentscheidungen zu nutzen“, sagt Prof. Dr. Volker Lauschke, stellvertretender Leiter des Dr. Margarete Fischer-Bosch Institut für Pharmakologie am Bosch Health Campus.

Er betont jedoch, dass die Studie einen Zusammenhang, aber noch keinen Beleg dafür zeigt, dass eine Genotyp-basierte Auswahl der Therapie tatsächlich zu besseren Behandlungsergebnissen führt. Dafür sind prospektive klinische Studien erforderlich. Auch die Kosteneffektivität einer solchen Strategie muss noch untersucht werden.

Große Real-World-Studie bestätigt Befund in zwei unabhängigen Kohorten

International beschäftigen sich zahlreiche Forschungsgruppen mit der Pharmakogenetik von Antidepressiva. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass CYP2D6 und CYP2C19 den Stoffwechsel und die Konzentration von Venlafaxin beeinflussen. Ob diese genetisch bedingten Unterschiede tatsächlich mit dem klinischen Behandlungserfolg zusammenhängen, war bislang jedoch weniger eindeutig. Die aktuelle Studie verbindet nun den genetisch vorhergesagten Metabolisierungstyp mit einem klinisch relevanten Endpunkt.

Die Studie zeichnet sich insbesondere durch die Kombination aus einer großen Zahl von Patientinnen und Patienten, realen Versorgungsdaten sowie der Bestätigung der Ergebnisse in einem zweiten Gesundheitssystem aus. Die erste Kohorte umfasste 5.443 mit Venlafaxin behandelte Personen aus dem „Therapeutic Drug Monitoring“ und dem „Pharmacogenetics (PGx) Service“ des Zentrums für Psychopharmakologie am Diakonhjemmet Krankenhaus in Oslo. Die zweite Kohorte bestand aus 3.624 Venlafaxin-behandelten Teilnehmerinnen und Teilnehmern der UK Biobank.

Pharmakogenetik als Perspektive für eine personalisierte Behandlung

Die Ergebnisse sind vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung der Pharmakogenetik für die personalisierte Medizin sehr relevant. Gerade bei Antidepressiva besteht ein hoher Bedarf an einer stärker individualisierten Behandlung: Ein Teil der Patientinnen und Patienten spricht auf die erste Therapie nicht ausreichend an und benötigt weitere Behandlungsversuche. Venlafaxin wird unter anderem eingesetzt, wenn eine vorausgehende Behandlung mit einem SSRI nicht erfolgreich war. Perspektivisch könnten Informationen über CYP2D6 und CYP2C19 dabei helfen, die Behandlung mit Venlafaxin individueller zu gestalten. 

Eine besondere Perspektive bietet die sogenannte präemptive Pharmakogenetik: Der genetische Metabolisierungstyp könnte einmal ermittelt und anschließend bei verschiedenen Arzneimittelentscheidungen berücksichtigt werden.

Internationale Zusammenarbeit und Förderung

Die Studie wurde durch die Robert Bosch Stiftung, den European Research Council (ERC), den Swedish Research Council (Vetenskapsrådet), die Novo Nordisk Foundation, die National Research Foundation of Korea sowie die South-Eastern Norway Regional Health Authority gefördert.

Dr. Cornelia Varwig
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Bosch Health Campus
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