Gastbeitrag
Die neue Logik der Pandemieplanung

Pandemien führen immer wieder dazu, dass Gesundheitssysteme angepasst werden. Die Prävention oder gar Verhinderung von neuen Ausbrüchen steht dabei inzwischen nicht mehr im Vordergrund.

Pierre Pfütsch | Oktober 2026
Mehrere Personen tragen eine Maske und laufen in eine Richtung.
Pexels/Oguz Kandemir

Pandemien prägen Gesellschaften und stellen Gesundheitssysteme vor neue Herausforderungen. Wie sich der Umgang mit ihnen verändert hat, zeigt der Wandel von Prävention zu Preparedness.

Die Corona-Pandemie hat eine alte Erkenntnis bestätigt: Die Welt ist auf große Gesundheitskrisen schlechter vorbereitet, als sie glaubt. Internationale Expertengremien wie das Global Preparedness Monitoring Board der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprachen nach COVID-19 von einem „fragilen Zustand der Vorbereitung“. Trotz aller Fortschritte sei zu wenig geschehen – und vor allem zu spät. Dieser Befund ist keine Momentaufnahme, sondern Teil einer längeren historischen Entwicklung.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Pandemien immer wieder Anlass für Reformen waren. Nach großen Ausbrüchen wurden Gesundheitssysteme angepasst, internationale Kooperationen gestärkt und neue Regeln geschaffen. So führte etwa die SARS-Epidemie Anfang der 2000er-Jahre zu einer Überarbeitung der International Health Regulations, die der WHO mehr Handlungsspielraum einräumten. Besonders auffällig ist jedoch ein grundlegender Wandel im Denken über den Umgang mit Pandemien: Während man lange Zeit davon ausging, Infektionskrankheiten durch gezielte Maßnahmen verhindern zu können, hat sich diese Vorstellung zunehmend verändert. Heute steht weniger die Verhinderung als vielmehr die Vorbereitung im Mittelpunkt.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts herrschte noch großer Optimismus. Impfkampagnen, Antibiotika und verbesserte Hygienestandards schienen viele Infektionskrankheiten unter Kontrolle zu bringen. Krankheiten wie Kinderlähmung, Diphtherie oder Tuberkulose verloren zunehmend ihren Schrecken. Die erfolgreiche Ausrottung der Pocken in den 1980er-Jahren verstärkte diesen Fortschrittsglauben. Die Erfolge vermittelten das Gefühl, in einer sicheren Gesellschaft zu leben und möglichen zukünftigen Risiken präventiv begegnen zu können. Prävention bedeutete in diesem Kontext: Krankheiten sollten gar nicht erst entstehen. 

Einem Kind wird eine Schluckimpfung verabreicht.
Wellcome Collection

Die Schluckimpfung weckte die Hoffnung, Infektionskrankheiten durch Impfungen wirksam eindämmen zu können.

Doch dieser Optimismus erwies sich als trügerisch. Spätestens mit der HIV/AIDS-Pandemie in den 1980er-Jahren wurde deutlich, dass die moderne Medizin nicht alle Risiken beherrschen kann. Und weitere Infektionskrankheiten wie SARS und die Vogelgrippe erschütterten diese Gewissheit seit den 1990er-Jahren. Als Schattenseiten von wirtschaftlicher Prosperität, globalem Handel und Tourismus wurden Epidemien und Pandemien zu unausweichlichen Gefahren. Der weltweite wirtschaftliche Austausch schafft immer engere Verbindungen, durch die mit Lieferketten und Reiseströmen unvermeidlich auch Infektionskrankheiten verbreitet werden.

Von der Prävention zur Preparedness

Vor diesem Hintergrund setzte sich seit den 1990er- und besonders in den 2000er-Jahren ein neues Leitkonzept durch: „Preparedness“, also Vorbereitung. Anders als die klassische Prävention geht dieses Konzept davon aus, dass Pandemien nicht vollständig verhindert werden können. Stattdessen soll ihre Wirkung begrenzt werden. Es geht darum, Systeme so zu organisieren, dass sie auch in Krisensituationen funktionsfähig bleiben.

Diese Verschiebung im Denken wurde auch von politischen Institutionen offen formuliert. So erklärte das European Centre for Disease Prevention and Control 2007, dass Pandemien unvermeidlich seien. Man könne sie nicht verhindern, wohl aber ihre Folgen abmildern. Ziel sei es, die gesellschaftliche Funktionsfähigkeit aufrechtzuerhalten – selbst unter Krisenbedingungen.

Während Prävention darauf abzielt, einen Ausbruch zu verhindern – etwa durch Impfprogramme oder Quarantänemaßnahmen –, setzt Preparedness früher und breiter an. Dazu gehören etwa Notfallpläne, Vorräte an medizinischem Material, funktionierende Lieferketten, internationale Absprachen und Kommunikationsstrategien. Auch regelmäßige Übungen und Szenarien spielen eine wichtige Rolle.

Damit veränderte sich auch das Selbstverständnis staatlicher Verantwortung. Während früher der Schutz des einzelnen Lebens besonders betont wurde, gewinnt heute zusätzlich die Stabilität zentraler Systeme an Bedeutung: Gesundheitswesen, Versorgung, Infrastruktur. Historiker:innen sprechen hier von einem Wandel von „population security“ hin zu „vital systems security“.

Dieser Paradigmenwechsel hat auch mit veränderten Zukunftsvorstellungen im Allgemeinen zu tun. Die klassische Prävention beruhte auf der Annahme, dass die Zukunft in weiten Teilen planbar sei. Risiken sollten erkannt und ausgeschaltet werden, bevor sie entstehen. Preparedness hingegen akzeptiert Unsicherheit als Grundbedingung. Die Zukunft gilt als grundsätzlich unvorhersehbar. Planung bedeutet daher nicht mehr, Entwicklungen zu kontrollieren, sondern flexibel auf Unvorhergesehenes reagieren zu können.

Weltkarte zur Veranschaulichung der weltweiten Ausbreitung einer Pandemie.
Pexels/Anton Uniqueton

Durch globalen Handel und internationale Reiseströme können sich Infektionskrankheiten weltweit verbreiten. Pandemieplanung setzt deshalb zunehmend auf internationale Zusammenarbeit und gezielte Vorbereitung.

Diese neue Form des Planens ist weniger auf langfristige Sicherheit ausgerichtet als auf kurzfristige Handlungsfähigkeit. Dabei wird Vorbereitung zu einem dauerhaften Prozess: Es gibt kein „genug vorbereitet“, sondern immer nur ein „besser vorbereitet“.

Die Herausforderungen der Vorbereitung

Die Corona-Pandemie und die Ausbrüche von Ebola und dem Hantavirus dieses Jahr haben allerdings gezeigt, wie schwierig diese Form der Vorbereitung in der Praxis ist. Zwar existierten vielerorts Pandemiepläne, doch sie erweisen sich immer wieder als lückenhaft oder werden nicht konsequent umgesetzt. Gleichzeitig wird deutlich, dass Vorbereitung nicht nur eine medizinische Aufgabe ist. Sie betrifft die gesamte Gesellschaft: politische Entscheidungsprozesse, wirtschaftliche Strukturen, soziale Akzeptanz. So betonen Expert:innen, dass zukünftige Pandemien nicht allein durch medizinische Maßnahmen bewältigt werden können. Entscheidend ist auch, ob gesellschaftliche Einschränkungen akzeptiert werden, ob Vertrauen in Institutionen besteht und ob internationale Zusammenarbeit funktioniert. Die Diskussion um einen internationalen Pandemievertrag nach COVID-19 verdeutlicht, wie schwierig letztere umzusetzen ist. Obwohl ein solcher Vertrag helfen könnte, schneller und koordinierter zu reagieren, scheiterte er bislang an politischen Differenzen, geopolitischen Spannungen und einer gewissen „Pandemiemüdigkeit“. Pandemiepolitik ist immer auch Machtpolitik.

Was bedeutet das für die Zukunft? Historisch betrachtet ist klar: Weder Prävention noch Preparedness bieten eine vollständige Lösung. Prävention bleibt in vielen Bereichen wichtig, etwa bei chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Im Bereich der Infektionskrankheiten hingegen dominiert die Einsicht, dass nicht alle Risiken kontrollierbar sind. Dabei sind Prävention und Preparedness keine Gegensätze, vielmehr lassen sie sich als unterschiedliche Antworten auf Fragen der globalen Gesundheit verstehen. 

Die Geschichte der Pandemiebekämpfung ist daher auch eine Geschichte veränderter Erwartungen an die Zukunft. Pandemien erscheinen nicht mehr als Ausnahme, sondern als wiederkehrende Gefahr. Die Frage lautet nicht mehr, wie wir die nächste Pandemie verhindern können – sondern wie wir als Gesellschaft auf sie vorbereitet sein wollen.

Zwischen Fortschritt und Vorbereitungslücken

In Deutschland sind nach der COVID-19 Pandemie wichtige Bausteine der Preparedness etabliert wurden: Der ‚Pakt für den Bevölkerungsschutz‘ sieht bis 2029 zehn Milliarden Euro Investitionen vor, Warnsysteme wie NINA und Cell Broadcast wurden ausgebaut, und das Technische Hilfswerk sowie die Katastrophenvorsorge erhalten deutlich mehr Ressourcen. Gleichzeitig bestehen jedoch weiterhin Lücken – etwa bei einer nationalen Reserve für Schutzausrüstung, einer besseren Datenlage im Gesundheitswesen und einer stärkeren Koordination zwischen Bund, Ländern und vulnerablen Gruppen. Deutschland steht damit in Sachen Preparedness momentan zwischen sichtbaren Fortschritten und noch nicht vollständig umgesetzten, aber dringend benötigten Strukturreformen.

Über den Autor

Mitarbeiterfoto Pierre Pfütsch IGM

Dr. Pierre Pfütsch ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin des Bosch Health Campus. Er studierte Geschichtswissenschaft und Germanistik und promovierte 2017 an der Universität Mannheim. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Zeitgeschichte der Medizin, der Pflegegeschichte und der Geschichte medizinischer Berufe.

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