„Wie ein Leben 2.0“

Starkes Übergewicht ist mit großen gesundheitlichen und psychischen Belastungen verbunden. Der Umgang damit erfordert Wissen, Feingefühl und einen langen Atem. Der Adipositas-Trialog im PORT Gesundheitszentrum bringt Betroffene, Angehörige und Fachkräfte zusammen und schafft Raum für einen offenen Austausch auf Augenhöhe.

Caroline Friedmann | September 2026
Die Ernährungswissenschaftlerin Jasmin Ketel sitzt mit der Patientin Kerstin Schäfer an einem Tisch und zeigt ihr ein Modell des Magen-Bypass.
Christoph Schmid

Ernährungswissenschaftlerin Jasmin Ketel veranschaulicht einer Patientin die Folgen eines Magen-Bypasses.

„Ich hätte das nie gedacht, aber es ist wie ein Leben 2.0“, sagt Kerstin Schäfer. Seit ihrer Magenoperation im Januar 2026 hat sie 25 Kilo abgenommen – und fühlt sich „als wenn man wieder anfängt zu leben“. 2012 erkrankte sie an einer Depression und musste Medikamente einnehmen. Die halfen ihr zwar, doch sie hatten Nebenwirkungen und Kerstin Schäfer nahm immer weiter zu. Bewegung fiel ihr zunehmend schwer, alltägliche Dinge wurden anstrengender. Als die Zahl auf der Waage schließlich dreistellig wurde, zog sie die Reißleine. „Irgendwann wurde es einfach zu viel.“

Ein Raum ohne Vorurteile

Auf der Suche nach Hilfe kam Kerstin Schäfer zunächst zur Ernährungstherapie ins Robert Bosch Krankenhaus. Dort wurde sie auf den Adipositas-Trialog aufmerksam, bei dem sich Betroffene, deren Angehörige und Fachkräfte regelmäßig offen austauschen. 

Das Trialog-Format stammt ursprünglich aus dem Bereich der Essstörungen, erklärt Jasmin Ketel, die als Ernährungswissenschaftlerin am Robert Bosch Krankenhaus Adipositas-Patient:innen begleitet. „Viele Betroffene finden keine passende Anlaufstelle, um sich niederschwellig und unverbindlich über Behandlungs- und Beratungsmöglichkeiten zu informieren“, sagt Ketel. „Deshalb wollten wir ein Angebot schaffen, bei dem nicht nur Betroffene und Angehörige ihre Fragen stellen können, sondern bei dem umgekehrt auch Fachkräfte mehr über die Sorgen und Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten erfahren.“ 

Fachpersonen aus unterschiedlichen Abteilungen nehmen an den Trialogen teil. In der Vergangenheit waren Expertinnen und Experten aus der Ernährungsberatung, der Adipositaschirurgie und dem Schlaflabor dabei sowie externes Fachpersonal. Organisiert und durchgeführt werden die Termine im PORT Gesundheitszentrum. Für den Leiter des Zentrums Mike Teske, der die Treffen moderiert, ist vor allem eine vertrauensvolle und vorurteilsfreie Atmosphäre wichtig. „Alle sind per Du, sprechen aus der Ich-Perspektive und alles, was gesagt wird, bleibt im Raum. Der Austausch zeigt, wie hilfreich es für alle Beteiligten sein kann, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen.“

Viele Teilnehmende schätzten besonders die Mischung aus persönlichen Erfahrungen und Fachwissen. Das kann auch Kerstin Schäfer bestätigen. „Das Besondere ist, dass dort nicht der ‚Halbgott in Weiß‘ sitzt, sondern Menschen auf Augenhöhe miteinander sprechen.“ 

Wenn Übergewicht krank macht

Der Handlungsbedarf bei starkem Übergewicht ist nicht zu unterschätzen. Es erhöht das Risiko für Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle oder Schlafapnoe erheblich und kann sich auf Fruchtbarkeit und Familienplanung auswirken. Auch die psychischen Belastungen sind oft groß. Mittlerweile ist etwa jeder vierte Erwachsene in Deutschland von Adipositas betroffen.

Das Besondere ist, dass dort nicht der ‚Halbgott in Weiß‘ sitzt, sondern Menschen auf Augenhöhe miteinander sprechen.

"Viele wissen nicht, dass Adipositas eine chronische Erkrankung ist. Sie ist auch erst seit sechs Jahren in Deutschland als solche anerkannt“, erklärt Dr. Yorick Soeder, Facharzt für Viszeralchirurgie mit Schwerpunkt Adipositaschirurgie am Robert Bosch Krankenhaus. „Leider wird die Erkrankung immer noch stigmatisiert.“ Dabei seien die Ursachen meist komplex: Medikamente, Bewegungsmangel, psychische Faktoren, die dauerhafte Verfügbarkeit von Nahrung oder soziale Bedingungen könnten eine Rolle spielen. Gleichzeitig fehle es vielerorts an niedrigschwelligen Hilfsangeboten. „Die meisten Hausärzte können die Betroffenen gar nicht umfassend begleiten“, sagt Soeder. Gerade deshalb seien Informationsangebote und ein offener Austausch wichtig – um die Menschen aufzuklären und Klischees zu überwinden.

Der lange Weg bis zur Operation

Vorurteile wegen ihres Gewichts kennt auch Rita Huber. Die 68-Jährige probierte fast fünf Jahrzehnte lang zahlreiche Diäten aus, nahm immer wieder ab – und anschließend erneut zu. „Das Thema hat mich eigentlich mein ganzes Leben begleitet“, erzählt sie. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme: schweres Sodbrennen, ein Zwerchfellbruch und ein erhöhtes Risiko für Speiseröhrenkrebs. „Mein Arzt hat mir deshalb schon Ende 2024 zu einem Magen-Bypass geraten“, erinnert sich Rita Huber. „Durch Empfehlungen im Freundeskreis kam ich dann im Herbst 2025 ans Robert Bosch Krankenhaus.“

Dort lernte sie das Behandlungskonzept der Adipositaschirurgie kennen. Dazu gehört, dass Patientinnen und Patienten vor einer bariatrischen Operation – also einem chirurgischen Eingriff zur Behandlung von starkem Übergewicht – in der Regel zunächst ein sechsmonatiges multimodales Therapieprogramm absolvieren. Ernährungstherapie, psychologische Begleitung und Bewegungsangebote bilden die drei zentralen Säulen der Behandlung. Ziel ist es nicht nur, Gewicht zu reduzieren, sondern langfristig neue Gewohnheiten aufzubauen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Ernährungswissenschaftlerin Jasmin Ketel und Kerstin Schäfer laufen über einen Gang.
Christoph Schmid

Der Adipositas Trialog ermöglicht einen Austausch auf Augenhöhe zwischen Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften.

Das empfand Rita Huber als sehr hilfreich und es gab ihr die nötige Orientierung. Zusätzliche Sicherheit und Vertrauen in die bevorstehende Operation gewann sie durch die Gespräche beim Trialog. Dort hat sie sich mit bereits operierten Patientinnen und Patienten ausgetauscht, von deren Erfahrungen gelernt und ihre Fragen gestellt. Letztlich erhielt sie im Februar 2026 einen Magen-Bypass, bei dem zusätzlich zur Magenverkleinerung die Strecke der Nährstoffaufnahme im Dünndarm verkürzt wurde. Dadurch hat sich viel für sie verändert: „Meine Knieprobleme und das Schnarchen haben sich verbessert, Blutdruck und Atmung ebenfalls“, sagt Rita Huber erleichtert. „Bisher habe ich etwa 25 Kilo abgenommen. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe.“

Ein neues Leben nach der OP

Im Fall von Kerstin Schäfer entschieden sich die Ärztinnen und Ärzte nach der sechsmonatigen Vorbereitung für einen sogenannten Schlauchmagen, und verkleinerten ihr Magenvolumen operativ. Dadurch fühlt sich Kerstin Schäfer heute deutlich beweglicher. Nicht nur das Treppensteigen falle ihr leichter, sie könne auch wieder ausgiebige Spaziergänge mit ihrer kleinen Hündin unternehmen. „Vorher ging das gar nicht mehr“, sagt sie.

Den Adipositas-Trialog besuchen beide Frauen auch nach ihrer Operation noch regelmäßig. „Man kann anderen helfen, die in einer ähnlichen Situation sind, wie man selbst war“, sagt Rita Huber.